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Typen Flexibler Arbeitszeit

5 Arten mit flexibler Arbeitszeit umzugehen

In meiner Reihe „How to PhD“ möchte ich euch verschiedene Facetten des Doktorand*innen-, oder allgemeiner, des Forschungslebens vorstellen. Wer (noch) nicht studiert oder promoviert hat, kann sich meist wenig darunter vorstellen, wie Forschen eigentlich funktioniert. Das möchte ich auf unterhaltsame Weise und in kleinen Häppchen ändern! Der Schwerpunkt in diesem Artikel: die flexible Arbeitszeit.

In Zeiten von Corona arbeiten viele Leute von zu Hause. Zu Hause gibt es jedoch keine Öffnungszeiten, keine Schichtwechsel und keine Präsenzzeiten. Zu Hause arbeitet jeder flexibel, wenn auch in verschiedenem Maße.

Auch die meisten Forscher*innen müssen die Welt nun von der Couch aus entwirren. Als theoretische Physikerin gehöre ich einer sehr privilegierten Gruppe an: Mein Arbeitsalltag hat sich seit Corona kaum verändert. Alles, was ich zum Arbeiten brauche, ist ein Computer und eine ordentliche Internetverbindung. Der einzige Unterschied ist, dass ich jetzt im Schlafzimmer sitze und im Schlabberpulli über Bugs im Code nachdenke. Statt im Schlabberpulli in der Uni.

Als Theoretikerin habe ich kein Experiment, das mich braucht. Meine Projekte sind großteils unabhängig. Ich arbeite zwar mit anderen Leuten zusammen, aber die Besprechungen sind vorausgeplant. Es gibt nur wenige Termine, zu denen meine Anwesenheit erwartet wird. Sprich: Ich kann arbeiten, wann ich will. Auch schon vor dem Homeoffice.

Das gilt nicht nur für Theoretiker*innen, sondern auch in anderen Forschungszweigen. Experimentalphysiker*innen haben natürlich Experimente, die ihre Anwesenheit in der Uni erfordern. Und weil häufig mehrere Leute am gleichen Aufbau arbeiten, müssen sie sich untereinander koordinieren. Doch selbst hier herrscht eine gewisse Flexibilität, da auch Experimentatoren nicht jeden Tag 8 Stunden lang Experimente durchführen.

In vielen Arbeitsgruppen kristallisiert sich eine Kernarbeitszeit heraus, zu der alle im Büro sind. Es ist schlichtweg einfacher, mal schnell nebenan an die Tür zu klopfen, wenn man eine Frage hat (oder einen Kaffee trinken möchte). Und geselliger ist es sowieso.

Flexible Arbeitszeiten haben unbestreitbare Vorteile. Arzttermine und Handwerkerbesuche sind für mich kein Problem. Doch mit der Freiheit kommt auch die Verantwortung. Es gibt verschiedene Ansätze damit umzugehen. Ich möchte euch die fünf mir bekanntesten einmal genauer vorstellen:

1. Die Schweizer Uhr

Die Schweizer Uhr

Flexible Arbeitszeit ist ein Angebot, keine Pflicht. Die Schweizer Uhr setzt sich feste Arbeitszeiten und hält sich dran. Pünktlich um 11:30 Uhr sitzt sie am Schreibtisch, erledigt gewissenhaft alles, was gerade anfällt. Eine Stunde Mittagspause, und um Punkt 16:30 Uhr geht’s wieder heim. Physik erledigt, check. Sie ist ebenfalls dafür bekannt, jegliche Art von Arbeit ohne Murren anzunehmen und vorbildlich daran zu arbeiten. Wieder einen Tag nicht zum Forschen gekommen? Egal, Arbeit ist Arbeit.

Übrigens: Ihr habt euch nicht verrechnet. Die Arbeitszeit der Schweizer Uhr summiert sich zu vier Stunden pro Tag. Denn tatsächlich haben die meisten Doktorand*innen nur eine halbe Stelle. Sie werden also für vier Stunden bezahlt, arbeiten in der Praxis aber oft acht Stunden und mehr. Denn Promovieren ist ja ohnehin eher ein Hobby…

2. Der Workaholic

Der Workaholic

Keine feste Arbeitszeit heißt kein Feierabend. Warum auch aufhören? Während des Abendessens kann man sich doch gut einen Vortrag von der letzten Konferenz anhören, das ist ja keine „richtige“ Arbeit. Und im Bett lesen ist schön, also vorm Schlafengehen schnell noch die neusten Veröffentlichungen durchschauen. Mehr Arbeiten heißt bessere Ergebnisse!

Denn Tatsache ist: In der Forschung kommt es nur drauf an, wie gut deine Ergebnisse sind. Nicht, wie lange du dafür gebraucht hast. Noch niemand hat eine hochranginge Veröffentlichung für das nüchterne Ergebnis bekommen, dass eine Idee nicht funktioniert, nur weil es drei Jahre Arbeitszeit verschlungen hat. Da hilft nur eins: Mehr arbeiten, mehr Ergebnisse produzieren, und irgendwann wird schon was bahnbrechendes dabei rauskommen!

3. Die Nachteule

Die Nachteule

Die Nachteule ist wohl die einzige Spezies in dieser Liste, die sich in der flexiblen Arbeitszeit so richtig eingegroovt hat. Endlich keine Vorlesungen mehr, keine Termine, und niemand, der sie zu festen Zeiten in der Uni erwartet. Sie kann also endlich den Abend entspannt mit Computerspielen verbringen. Nachts scheint auch keine nervige Sonne, die sich auf dem Bildschirm spiegelt. Was, schon wieder 4 Uhr? Naja, ausschlafen ist wichtig, und 12 Uhr ist so gut wie jede andere Uhrzeit, um mit der Arbeit anzufangen. Was, die anderen wollen schon um 12:30 Uhr Mittag essen? Puh naja, Chili zum Frühstück ist doch auch was Feines. Aber Moment, wer hat denn morgen das Gruppenseminar auf 11 Uhr gelegt? Wer soll sich denn mitten in der Nacht auf irgendwas konzentrieren?

4. Das Eichhörnchen

Flexibel Arbeiten heißt häufig auch, dass dir niemand genau vorschreibt, wann du was zutun hast. Das erfordert ein ordentliches Maß an Arbeitsorganisation. Es gibt immer etwas, worüber man noch ein bisschen mehr lernen könnte. Sei es aufgrund von intrinsischer Neugier oder den hohen Anforderungen im Forschungsalltag. Im Falle des Eichhörnchens läuft es drauf hinaus, dass es alles auf einmal machen möchte, und letztendlich gar nichts schafft. Das sieht dann so aus:

Das Eichhörnchen

„Ich fang erstmal damit an, an meinem Programm zu arbeiten, aber Moment, dafür muss ich diese Methode implementieren, und da gibt es noch diesen einen Schritt, den ich noch nicht ganz verstanden habe, also lese ich mir lieber nochmal die Publikation dazu durch, allerdings dauert das eine ganze Weile, und ich muss noch diesen Vortrag vorbereiten, das ist erstmal wichtiger, also fang ich besser damit an, am besten mit der graphischen Darstellung der Ergebnisse, der Plot sieht noch nicht so schön aus, die Linienbreite ist definitiv zu klein, und die Farben gehen ja gar nicht, aber hm, wenn ich mir das so ansehe, sehen die Ergebnisse selbst noch  nicht so gut aus, die Auflösung ist noch ziemlich klein, also lass ich die Simulation besser nochmal durchlaufen, vielleicht liegt es am Bug im Code bei dieser einen Methode, zu der ich noch was nachlesen wollte…“

5. Der*Die Stipendiat*in

Stipendiat*innen sind eine eher seltene Spezies, aber Eigenschaften typischer Stipendiat*innen finden sich auch in anderen Promovierenden.

Der/Die Stipendiat*in

Stipendiat*innen haben neben ihrem Stipendium in der Regel keinen Job. Das mag überflüssig klingen. Warum sollte man auch ein Stipendium und ein Gehalt bekommen? Doch leider sind da noch so nebensächliche Dinge wie die Krankenversicherung. Daher haben glückliche Stipendiat*innen einen Nebenjob, um die notwendigen Sozialabgaben zu leisten.

Kein Job heißt keine Regeln (zumindest theoretisch). Als Stipendiat*in bist du dein eigener Boss. Nicht nur dein Arbeitstag ist flexibel, deine ganze Promotion ist flexibel. Einfach mal einen Tag zu Hause bleiben und nichts tun? Kein Problem. Urlaubsanträge? Gibt es nicht. Krankmeldungen? Wer braucht die schon. Urlaub selbst zahlen? Mach lieber drei Wochen Sprachkurs in Barcelona um „Spanisch zu lernen“.

Klingt traumhaft, hat aber Schattenseiten. Wer vermutet, dass die Anzahl der Urlaubstage steigt, sobald man sich formal keinen Urlaub mehr nehmen muss, irrt. Stipendiat*innen wollen natürlich ihrem Ruf gerecht werden, das Motto ist: Leistung, Leistung, Leistung. Flexible Arbeitszeiten ermöglichen, neben der Forschung flexibel noch ein Dutzend andere Projekte zu organisieren. Das heißt: Nach der Uni schnell noch Straßenaktivismus betreiben, am Wochenende auf einem Seminar über die Chancen und Risiken von Bürgerentscheiden diskutieren, einmal die Woche in einer Mozart-Tribute-Band Musik machen, eine Podiumsdiskussion der Lieblingspartei organisieren, und statt Urlaub an einer Arbeitsgruppe zum Thema „Ist Reinforcement Learning artgerecht?“ teilnehmen. Ach, und natürlich Welt retten nicht vergessen!


Findest du dich wieder? Oder verkörperst du einen anderen Typ, der hier nicht aufgeführt ist? Lass es mich wissen! Gefällt dir was du liest? Dann abonnier meinen Blog und verpass keinen neuen Beitrag mehr!


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